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An den Flüssen Babylons

Oder: Du bist nicht auf der Welt, um zu schweigen 

Vor zwei Monaten mussten wir meine körperlich gebrechliche, aber geistig wache Mutter zusammen mit meinem Stiefvater von heute auf morgen in einem Pflegeheim unterbringen. Da hielten wir es für einen Glücksfall, dass zu diesem Zeitpunkt gerade zwei Zimmer in einer Senioren-Einrichtung der XY Gruppe frei war. Das Haus machte zunächst einen guten Eindruck auf uns. 

Um meiner Mutter die Eingewöhnung in ihrem neuen „Zuhause“ zu erleichtern, besuchte ich sie vom ... bis ... diesen Jahres. Sie fühlte sich nach eigenen Aussagen sehr unwohl dort.

Von außen betrachtet, handelt es sich bei der Senioren- und Pflegeeinrichtung (der XYGruppe) um ein moderndes, architektonisch ansprechendes Haus „der gehobenen Kategorie“ mit gepflegten Grünanlagen, einer Sonnenterrasse, hellen, großen Räumen, netten Sitzecken, einer harmonischen Farbgebung, einem freundlichen Pflegepersonal.

Mein vierzehntägiger Aufenthalt im Inneren hat mir allerdings Einsichten beschert, die mich nachts nicht ruhig schlafen lassen.




An den Flüssen Babylons

Ein Erfahrungsbericht aus dem inneren Erleben eines Pflegeheims


Ankunft

Ich traf nach 7 stündiger Zugfahrt einem Sonnabendnachmittag gegen 16.30 Uhr im Hause xxx ein. Obwohl ich meinen Besuch drei Wochen vorher schriftlich avisiert hatte und mir die Reservierung eines Gästezimmers schriftlich bestätigt worden war, wusste bei meiner Ankunft niemand etwas von meiner Buchung.

Zunächst fand ich nirgendwo jemand, der zuständig war. Weder war das Dienstzimmer im Erdgeschoss besetzt noch das Verwaltungsbüro. Irgendwann lief mir eine Pflegerin über den Weg, die aber „von nichts“ wusste und nach einer Kollegin suchte, die ebenfalls nicht orientiert war. Die Pflegerinnen zeigten mir schließlich ein Gästezimmer, das ich, da es nicht aufgeräumt und offensichtlich noch bewohnt war, nicht für das richtige hielt. Eine der beiden Schwestern verschwand, um sich erneut zu erkundigen und ward nicht mehr gesehen. Währenddessen verging die Zeit und meine Mutter wartete...

Endlich wies mir eine dritte Pflegerin ein Zimmer zu, das sich im Wohnbereich der Demenzkranken befand. Das mir zugesagte Gästezimmer, welches außerhalb der Pflegebereiche liegt, war aus einem nicht näher definierten Grunde nicht beziehbar. Als ich um einen Schlüssel für das Zimmer bat, stieß ich bei der Pflegerin ... auf völliges Unverständnis, „das sei nicht üblich!“. Immerhin befand ich mich auf der Station für Demenzkranke, die nachts auch mal „herumgeistern“. Mein Insistieren wurde mit „ Unverschämtheit!“ kommentiert. Schließlich wurde mir ein Schlüssel unter Murren und mit der Auflage, den Erhalt zu quittieren, ausgehändigt.

Inzwischen waren ca. 45 Minuten vergangen.

Meine Mutter fand ich in einem ungelüfteten Zimmer vor, das Bett war nicht gemacht, der Teppich nicht gesäubert, auf dem Tisch stand noch benutztes Geschirr. Sie selbst war nicht gekämmt und wie sie sagte, heute auch nicht gewaschen worden. Im Kleiderschrank völliges Durcheinander. „Die Pflegerinnen haben nicht die Zeit, die Kleidung ordentlich aufzuhängen oder sie einzuordnen“. Meine Mutter, für die eine gepflegte und saubere Umgebung immer sehr wichtig war, weinte nicht nur, als sie mich sah, sie schrie vor Verzweiflung. Und das, obwohl sie nicht zur Hysterie neigt.

Nachdem ich sie etwas beruhigt hatte, ging ich auf mein Zimmer, um den Koffer auszupacken und mein Abendessen einzunehmen.

An den Flüssen Babylons

Verpflegung

Gäste haben die Möglichkeit, an drei Tagesmahlzeiten teilzunehmen. Ich hatte mich für „Vollpension“ angemeldet. Zwar fehlte meistens etwas von meiner Essensbestellung; die Küche, in die ich dann ging, machte auf mich einen äußerst gepflegten und modernen, gut eingerichteten Eindruck, und das Küchenpersonal war sehr zuvorkommend.

Das Essen war soweit gut, sieht man einmal von den „Pappbrötchen“ ab, die sich eher „reißen“ als kauen ließen. Zweimal habe ich mich über halbgare Kartoffeln geärgert. Aber das war die Ausnahme. Es gibt einen wöchentlich wechselnden, ausgewogenen Speiseplan , täglich den Nachmittagskaffee mit Gebäck, am Wochenende ein Stück Kuchen. Öfters Obst.


An den Flüssen Babylons

Auf der Station der Demenzkranken

 

Wo soll ich hin?

Auf der Station für Demenzkranke

Als ich am ersten Abend über den langen Flur zum Speisesaal lief, um mein Tablett mit dem Abendessen auf mein Zimmer zu tragen, kam mir eine Patientin entgegen, deren Fußbandage aufgewickelt war. Sie fragte mich, ob ich die Bandage wieder befestigen könne. Das tat ich , kein Problem.

Dann fragte mich ein alter Mann, ob ich ihm ein Glas Wasser bringen könne. Da musste ich leider passen. Ich wusste weder, wo die Kästen mit den Mineralwasserflaschen standen noch in welchem Schrank sich die Trinkgläser befanden. Eine Rollstuhlfahrerin streckte mir die Hände entgegen. Als ich ihre Hände in meine nahm und erstaunt ausrief „Hui, Sie haben aber kalte Hände!“, hielt sie mich fest, schaute mich eindringlich an und sagte. „Ich bin Frau Claasen!“ Ein relativ junger Mann blieb vor mir stehen und brüllte : „Wo soll ich hin?“, um dann wie eine Marionette abrupt den Kopf fallen zu lassen und leise zu wiederholen. „Wo soll ich hin?“. Später stellte ich fest, dass dieser Mann den ganzen Tag nichts anderes tat als herumzuschlurfen, sich vor einem hinzustellen und diesen Satz zu brüllen bzw. zu flüstern. „Wo soll ich hin?“. Nachts wurde er in seinem Zimmer eingeschlossen.


Dududu…

Ich fragte, wieso die Demenzkranken geduzt würden. „Das habe ich Ihnen doch gestern schon erklärt, das ist therapeutisch notwenig“. „Das habe ich auch gestern noch nicht begriffen, vor allem, wenn schon Duzen, warum in diesem Tonfall?“ „Ich kann meinen Pflegekräften doch keine Kinderstube beibringen?“ „Und wie wäre es mit Aus- und Weiterbildung?“

Hits nonstop

Zu meiner Befremdung wurde der Speisesaal auf der Station für Demenzkranke - wie die anderen Speisesäle auch - täglich rund um die Uhr mit relativ lauter Radiomusik beschallt. Hits nonstop.

Auf Anfrage erklärte man mir, dies sei therapeutisch sinnvoll, da nach neuesten Untersuchungen der Hirnforschung erwiesen sei, dass die Hirntätigkeit der alten und/oder dementen EinwohnerInnen durch eine solche Beschallung angeregt würde. Warum aber ausgerechnet Poppmusik, fragte ich mich, für eine Zielgruppe, deren Durchschnittsalter um die 80 Jahre lag? Warum keine klassische Musik oder besser noch: menschliche Ansprache?

Das erste Lied, das ich beim Betreten des Speisesaals hörte, war der Gospel „On the rivers of Babylon“. Ich schaute mich um und dachte in fast zynischer Verzweiflung: „An den Flüssen Babylons, da saßen wir und weinten...“ Und sie weinten auf ihre Art. Die zumeist alten Männer und Frauen mit leeren oder traurigen Gesichtern, manche völlig apathisch, andere resigniert, die meisten schweigsam, stumm. Die Pflegerinnen dagegen setzten sich stimmlich gegen die allgemeine Geräuschkulisse von Poppmusik und laufenden Fernsehgeräten durch.

Hits nonstop und laufendes (TV-) Programm

Der Fernseher läuft und läuft und läuft

Oft standen die Patiententüren offen; aus fast jedem Raum plärrte der Fernseher in Überlautstärke von allen Kanälen. Die Fernseher, “unsere Alten-Babysitter...“

Nachdem ich mein Essen eingenommen und das Tablett in den Speisesaal zurückgebracht hatte, hielt mich eine Rollstuhlfahrerin auf. „Bringen Sie mich ins Bett?“.

Der Fernseher läuft und läuft und läuft. Von Pflegepersonal kaum eine Spur.


An den Flüssen Babylons

Es „stinkt zum Himmel“…

Noch vor 2 Monaten trat meine Mutter aus ihrer (150 qm großen ) Wohnung und atmete den Duft von Rhododendronbüschen ein. Tritt sie jetzt aus ihrem 20 qm großen Zimmer, kommt ihr Fäkaliengeruch entgegen. Die auf den Fluren stehenden Müllbehälter mit benutzten Windeln sind über den Rand gefüllt, die Deckel lassen sich infolgedessen nicht mehr richtig schließen, und der Gestank strömt nach außen.

Die Tür zur sog. „Fäkalienspüle“, nur zwei Zimmer entfernt von dem Raum meiner Mutter, steht fast immer offen steht. Trotz des an der Tür angebrachten Schildes: „Tür bitte immer geschlossen halten“.

Eine olfaktorische Herausforderung, die sich leicht vermeiden ließe. Durch weniger Eile, weniger Gedankenlosigkeit, mehr Personal.


Umgangsformen

Betraten wir den gut besetzten Speisesaal im Erdgeschoss, reagierte niemand auf das freundlich und laut geäußerte „Guten Tag“ meiner Mutter. Auf das allgemeine Schweigen und erstaunte Gucken antwortete meine Mutter dann ebenso laut und vernehmlich: „Daran muss ich mich erst gewöhnen, dass hier nicht gegrüßt wird“.

Später nahm sie mich dann zur Seite und erklärte mir: „Wahrscheinlich fehlt den Menschen hier schon so lange die Ansprache, dass sie inzwischen verlernt haben, adäquat zu reagieren. Oder sie schützen sich auf autistische Weise.“

Eine Hilfspflegerin, die den Nachmittagskaffee gebracht hatte und beim Abräumen sah, dass

meine Mutter nur die Hälfte davon getrunken hatte, fuchtelte mit dem Zeigefinger vor der Nase meiner Mutter herum: „Na, na, wer hat denn da nicht ausgetrunken, junge Frau?“

Darauf meine Mutter: „Mit mir können Sie reden wie mit einer Erwachsenen“.

Aber, oh, sie hat sich geärgert und es kostet sie Kraft, ihre Würde immer wieder behaupten zu müssen.

Häufig sprachen PflegerInnen von meiner Mutter in der dritten Person. Und das, obwohl meine Mutter im Raum war. Sie“ macht und tut und ... „Sie“ hat einen Namen. Das zeichnet sie als Individuum aus. „Sie“ ... Als wäre sie gar nicht anwesend. Wie bewusstseinsmäßig anwesend sind die PflegerInnen für die Bedürfnisse/das Wesen meiner Mutter?

Wir sind kein Hotel oder

Warten auf den Frühling

Da meine Mutter ein wundes, offenes Bein hatte, war ihr Bett mit Wundsekret verschmutzt. Ich wies die Stationsleiterin darauf hin, dass das Bett dringend frisch bezogen werden müsse.

„Wir sind kein Hotel“ lautete die Antwort der Stationsleiterin, die Betten würden pflegestufen- und duschabhängig neu bezogen. Meine Mutter würde Serviceleistungen erwarten, die einfach nicht drin seien. „Jetzt müssen wir auch mal über die Kosten reden, liebe Frau M.“

Gerne: meine Mutter und ihr Ehemann berappen gemeinsam monatlich 4.600,-- € an das Haus, das kein Hotel ist.


Übrigens bat auch mein Stiefvater um ein frisch bezogenes Bett. Auf seine verärgerte Frage: „Wer bezieht mir denn hier mal mein Bett?“ , antwortete ihm die Pflegerin keck: „Der Frühling“.

Die Betten habe dann ich bezogen. Auf das Frühlingserwachen wollten wir nicht warten. Auf das moralische Erwachen der Pflegerin auch nicht.

Ebenso habe ich meine Mutter geduscht und gewaschen, sie gekämmt und angezogen, zur Toilette begleitet, ihr den Rücken eingecremt, Verbände erneuert, Mani- und Pediküre gemacht, sie mit dem Rollstuhl ausgefahren, sie getröstet , mich mit ihr ausgetauscht.


(Verbale) Verletzungen/ Übergriffe

Irritationen

Es irritiert mich, dass

  • meine Mutter, vor der ich so viel Achtung und Respekt habe, im Hause xxx von einer 20 jährigen Pflegerin geduzt wird, obwohl meine Mutter mehrfach deutlich gemacht hat, dass sie so etwas nicht mag.

  • an der Tür zum Zimmer meiner Mutter, hinter der ihr privater, geschützter Raum beginnt, nicht angeklopft wird. Für mich als Tochter ist es selbstverständlich, dass ich klopfe, bevor ich den Raum betrete.

  • eine Zahnärztin unangemeldet vor dem Bett meiner Mutter steht und die Herausgabe ihrer dritten Zähne verlangt. Diese müssten „unterfüttert“ werden. Auf den Hinweis meiner Mutter, dass sie Besuch habe und wie lange solch eine Unterfütterung dauere, erhielt sie die Antwort. „Ein bis zwei Tage, so lange bekommen Sie passierte Kost. Ihr Mann hat das auch zugelassen.“

„Machen Sie alles, was ihr Mann macht?“.

  • Pflegerinnen auf der Station für Demenzkranke auf den Tischen des Speisesaals sitzen, die Beine baumeln lassen und sich privat untereinander unterhalten, während sie die Kranken füttern. Was für eine respektlose Haltung im doppelten Sinne, von einer Begegnung auf Augenhöhe kann da nicht mehr die Rede sein.

Dann die Kommandos: „Essen!! Essen! Isst du jetzt?! Mein Arm wird immer länger!“



Draußen vor der Tür

Nach 18°° Uhr ist die Tür am Haupteingang geschlossen. „Aus Sicherheitsgründen“. Es genüge, nach der Nachtschwester zu klingeln; sie würde einem dann öffnen.

Dreimal standen wir nach 18°° Uhr vor verschlossener Tür. Auf das Klingeln reagierte dreimal niemand und das nach einer langen Wartezeit.

Draußen vor der Tür Nr. 1: Mein Bruder und ich standen gegen 19°° Uhr draußen, wir klingelten und warteten, aber niemand erschien. Ca. 20 Minuten! Schließlich rief mein Zwillingsbruder per Handy unseren Stiefvater an, der sich dann vom 1. Stock mit Rollator auf den Weg ins Erdgeschoss machte. Ihm eilte dann die Nachtschwester hinterher, sie sagte, die Klingel sei offensichtlich kaputt.

Nr. 2:

Wieder haben wir (Besucher) nach 18°° Uhr geklingelt und lange gewartet, wieder erschien niemand. Mein Stiefvater kam auf die Idee, das Haus auf dem Umweg durch die offene Terrassentür zu betreten. Dies war vom Haupteingang gut zu sehen. Er musste einfach um das Gebäude laufen, durch die Terrassentür, und öffnete uns von Innen; es funktionierte. Tolle Sicherheit!

Nr. 3. Klingeln und Warten und nichts... also, der Weg durchs Hintertürchen.

Reaktionszeiten auf Klingelzeichen

Meine Mutter erzählte uns – einige Zeit vor meinem Besuch - es habe niemand auf ihr nächtliches Läuten reagiert, als mein Stiefvater einen schweren epileptischen Anfall hatte. Damals bewohnten die beiden noch ein Doppelzimmer. Seinerzeit konnten wir dieser Erzählung meiner Mutter kaum glauben. Wir vermuteten, der Schock über den epileptischen Anfall habe sie so durcheinandergebracht, dass sie zeitlich nicht orientiert gewesen sei. Vielleicht war ihr die Wartezeit auch endlos lang vorgekommen.

Sie berichtete uns, sie habe sich unter großen Mühen aus ihrem Bett gequält und sei mit dem Rollator auf den menschenleeren Flur hinausgerollt. Dort habe sie „Hilfe, Hilfe“ geschrien, und auch da habe es noch gedauert, bis jemand zu Hilfe kam.

Inzwischen glaube ich ihr jedes Wort. Verließ ich abends, gegen 23°° Uhr das Zimmer meiner Mutter, um mich auf den Weg in mein Gästezimmer zu machen, waren die Flure ausgestorben. Die diensthabende Pflegerin (überhaupt examiniert?) war fast nie im Dienstzimmer, sondern irgendwo unterwegs.

Oftmals lag ich nachts noch wach und hörte das Klingeln der Patienten. Manchmal wurde ich davon auch wach. Dann schaute ich auf die Uhr, um zu gucken, wie lange es dauert, bis jemand das Zimmer betritt und das Klingeln aufstellt. Es vergingen in der Regel 15 Minuten! Dann nicht etwas freundliche Nachfragen, sondern ein im Kasernenhofton gebelltes: „Was ist los?!

„Was mache ich, wenn ich nachts stürze?“, fragte meine Mutter mich vorgestern voller Angst? „Liege ich dann am Boden und es kommt niemand?“. Gestern Nacht stürzte sie und zog sich eine schwere Kopfverletzung zu. Gefunden wurde sie vom Pfleger xxx und in die Chirurgische Klinik eingeliefert. Wie lange mag sie am Boden gelegen haben, wie lange hat sie um Hilfe gerufen bis jemand kam?


Die richtige Haltung – ein Aha-Erlebnis

Irgendwann fragte mich eine Rollstuhlfahrerin, ob ich sie nicht zur Toilette begleiten könne.

Im ersten Impuls wollte ich dies tun, dann jedoch zögerte ich. Ich bin nicht sehr kräftig, jedenfalls physisch nicht, was, wenn mir die Frau hinfallen würde? Also entgegnete ich, dass es mir Leid täte, ich sei „keine Schwester“.

Darauf die alte Dame, und indem sie ins Duzen verfiel, völlig entgeistert: „Ja, was bist du denn dann?“.

Ja, dachte ich. Was bist du denn dann, wenn nicht ihre Schwester....?

Genau diese Haltung hätte ich mir bei einigen Pflegekräften gewünscht. Nicht nur, dass sie altersmäßig viel zu weit weg sind von den greisen Menschen, einen Riesenabstand haben sie zu Ethos und Moralität. Offensichtlich ist eine Pflegeeinrichtung ein guter Boden, um niedere Machtinstinkte ausagieren zu können.

 

Das müssen Sie schlucken!, (die Alten). Müssen sie?

Es hat zwei Wochen gedauert, bis die Pflegerinnen eine leichte Umstellung in der Medikation (seitens des Hausarztes) begriffen hatten. Da meine Mutter ihre Medikamente kennt, lehnte sie die Einnahme der „falschen Pillen“ ab. Daraufhin die Hilfskraft zu meiner Mutter: „Die nehmen sie!“. Schließlich Rücksprache mit dem Hausarzt. Dennoch:

Bei jedem Personalwechsel wurden meiner Mutter wieder die abgesetzten Tabletten, die sie definitiv nicht verträgt, erneut „serviert“. Meine ohnehin schon verunsicherte und entkräftete, übrigens herzkranke, Mutter sah sich immer wieder in Diskussionen verwickelt. Diskussionen auch des Nachts. Die Hilfskraft sah sich dem Widerstand meiner Mutter schließlich nicht mehr gewachsen. Deshalb tauchte sie eines Nacht zusammen mit der Stationsleiterin am Bett meiner Mutter auf und erklärte meiner im Tiefschlaf liegenden Mutter (es war nach Mitternacht), dass die Umstellung der Medikamente durchaus gerechtfertigt sei. Ich bedauere im nachhinein, der Stationsleiterin nicht gesagt zu haben, dass nicht sie meiner Mutter die Medikation erklären müsse, offensichtlich müsse meiner Mutter es ihr erklären.

Fazit -

Die völlig falsche Einstellung

Das Personal – wird zu wenig eingestellt ?

Oder ... ist es ganz einfach ... falsch eingestellt?

Was fehlt, ist gut ausgebildetes Pflegepersonal. Der viel zu kleine Personalschlüssel, die falsche innere Einstellung, macht es dem/der einzelnen Pfleger/In unmöglich, sich adäquat um die EinwohnerInnen zu kümmern.

Betritt eine Pflegerin das Zimmer, klingelt meistens sehr bald ihr Mobiltelefon. Es herrscht ein ständiger Zeit- und Leistungsdruck. Wer kann einem solchen Druck lange standhalten? Ohne in eine dualistische Sicht verfallen zu wollen: Viele der Pflegerinnen waren rührend bemüht um ihre Patienten. Andere PflegerInnnen reagierten im Kontakt mit den EinwohnerInnen einfach über, waren ungeduldig oder in der Erledigung ihrer Arbeit nicht sorgfältig genug.

In den zwei Wochen meines Aufenthaltes gab es bereits verschiedene krankheitsbedingte Ausfallzeiten des Personals – und das bei der ohnehin sehr knappen Besetzung. Die Fluktation scheint außerdem hoch zu sein. In den zwei Monaten, die sich meine Mutter dort befindet, kündigten zwei Pflegerinnen.

Ob es dort auch 1 EURO Jobber gibt, die zu solche einer Arbeit „verdonnert“ werden, vermag ich nicht zu beurteilen, würde mich aber einmal interessieren.

Bei der niedrigen Personaldecke, bzw. einer permanenten Unterdeckung sehe ich meine Mutter dort nicht bedarfsgerecht betreut, sondern eher einem Sicherheitsrisiko ausgesetzt. Was ist, wenn sie noch pflegebedürftiger wird?

 

Als ich meinem Besuch beendet und der ICE im Zielbahnhof einlief, hatte ich mein Herz randvoll und brennende Bilder im Kopf. O Gott, was soll ich tun? Da erschien plötzlich vor meinem Auge eine weiße Tafel mit riesigen Lettern: „ Du bist nicht auf der Welt, um zu schweigen.“

Nicht schweigen, nicht totschweigen. Das hieße, Unrecht zulassen.

Aber wie kann ich mich äußern, ohne meiner Mutter einen Bärendienst zu erweisen, einen Pyrrhussieg zu erringen?

Von daher möchte ich auf jeden Fall anonym bleiben. Nicht ohne Grund: Schon als ich Missstände in dem Haus angesprochen habe, merkte ich, dass dies nicht als konstruktive Kritik, sondern als nicht-statthafter Dissens gewertet wurde. Aufmucken gilt nicht, das stört den faulen Frieden. Bei dem Geist, der in den Häusern herrscht, schließe ich Repressalien /Mobbing ( im „besten“ Falle noch Demotivation) nicht aus.

Übrigens noch einen Satz zur Stationsleiterin bzw. eine Sentenz von ihr: „Ja, schrecklich, die Situation für Ihre Mutter, so von heute auf morgen in ein ganz anderes Leben geworfen zu werden. Und das bei dem Niveau ihrer Mutter, sie hat ja mehr Gripps als all meine Pflegekräfte zusammen. Da tut mir Ihre Mutter schon Leid. Für mich mag ich mir so etwas gar nicht vorstellen.“

Darauf ich: „Stellen Sie sich so etwas für sich vor, Frau X... Lassen Sie das mal ganz nah an sich heran. Stellen Sie sich das für sich vor oder für Ihre alte Mutter, falls Sie noch eine haben“.

Bei meiner Abfahrt sagte meine Mutter mir noch : „Du bist das Kind, das ich am meisten liebe und am meisten brauche.“

Seit gestern liegt sie auf der Station der Neurochirurgie.

Wie schreibt mein Bruder heute: „Mutti hat ein extremes Hämatom, das jetzt drainiert wird (Schlauch mit einem 15 - 20 cm³ Auffangbehälter). Im Kopf hat sie auch Blut, allerdings nicht im Gehirn, sondern quasi zwischen dem Gehirn und der Schädeldecke, ohne raumgreifend zu sein. Es ist sogar eine leichte Abnahme zwischen gestern und heute erkennbar. Hoffen wir, dass eine OP ausgeschlossen werden kann.


Du bist nicht auf der Welt, um zu schweigen.

In diesem Sinne.

 

 
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