An den Flüssen Babylons
Oder: Du bist nicht auf der Welt, um zu schweigen
Vor zwei Monaten mussten wir meine körperlich gebrechliche, aber
geistig wache Mutter zusammen mit meinem Stiefvater von heute auf
morgen in einem Pflegeheim unterbringen. Da hielten wir es für einen
Glücksfall, dass zu diesem Zeitpunkt gerade zwei Zimmer in einer
Senioren-Einrichtung der XY Gruppe frei war. Das Haus machte zunächst
einen guten Eindruck auf uns.
Um meiner Mutter die Eingewöhnung in ihrem neuen „Zuhause“
zu erleichtern, besuchte ich sie vom ... bis ... diesen Jahres. Sie
fühlte sich nach eigenen Aussagen sehr unwohl dort.
Von außen betrachtet, handelt es sich bei der
Senioren- und Pflegeeinrichtung (der XYGruppe) um ein moderndes,
architektonisch ansprechendes Haus „der gehobenen Kategorie“ mit
gepflegten Grünanlagen, einer Sonnenterrasse, hellen, großen
Räumen, netten Sitzecken, einer harmonischen Farbgebung, einem
freundlichen Pflegepersonal.
Mein vierzehntägiger Aufenthalt im Inneren hat mir
allerdings Einsichten beschert, die mich nachts nicht ruhig schlafen
lassen.
An den Flüssen Babylons
Ein Erfahrungsbericht aus dem inneren Erleben
eines Pflegeheims
Ankunft
Ich traf nach 7 stündiger Zugfahrt einem
Sonnabendnachmittag gegen 16.30 Uhr im Hause xxx ein. Obwohl ich
meinen Besuch drei Wochen vorher schriftlich avisiert hatte und mir
die Reservierung eines Gästezimmers schriftlich bestätigt worden
war, wusste bei meiner Ankunft niemand etwas von meiner Buchung.
Zunächst fand ich nirgendwo jemand, der zuständig
war. Weder war das Dienstzimmer im Erdgeschoss besetzt noch das
Verwaltungsbüro. Irgendwann lief mir eine Pflegerin über den Weg,
die aber „von nichts“ wusste und nach einer Kollegin suchte, die
ebenfalls nicht orientiert war. Die Pflegerinnen zeigten mir
schließlich ein Gästezimmer, das ich, da es nicht aufgeräumt und
offensichtlich noch bewohnt war, nicht für das richtige hielt. Eine
der beiden Schwestern verschwand, um sich erneut zu erkundigen und
ward nicht mehr gesehen. Währenddessen verging die Zeit und meine
Mutter wartete...
Endlich wies mir eine dritte Pflegerin ein Zimmer
zu, das sich im Wohnbereich der Demenzkranken befand. Das mir
zugesagte Gästezimmer, welches außerhalb der Pflegebereiche liegt,
war aus einem nicht näher definierten Grunde nicht beziehbar. Als
ich um einen Schlüssel für das Zimmer bat, stieß ich bei der
Pflegerin ... auf völliges Unverständnis, „das sei nicht
üblich!“. Immerhin befand ich mich auf der Station für
Demenzkranke, die nachts auch mal „herumgeistern“. Mein
Insistieren wurde mit „ Unverschämtheit!“ kommentiert.
Schließlich wurde mir ein Schlüssel unter Murren und mit der
Auflage, den Erhalt zu quittieren, ausgehändigt.
Inzwischen waren ca. 45 Minuten vergangen.
Meine Mutter fand ich in einem ungelüfteten Zimmer vor, das Bett
war nicht gemacht, der Teppich nicht gesäubert, auf dem Tisch stand
noch benutztes Geschirr. Sie selbst war nicht gekämmt und wie sie
sagte, heute auch nicht gewaschen worden. Im Kleiderschrank völliges
Durcheinander. „Die Pflegerinnen haben nicht die Zeit, die Kleidung
ordentlich aufzuhängen oder sie einzuordnen“. Meine Mutter, für
die eine gepflegte und saubere Umgebung immer sehr wichtig war,
weinte nicht nur, als sie mich sah, sie schrie vor Verzweiflung. Und
das, obwohl sie nicht zur Hysterie neigt.
Nachdem ich sie etwas beruhigt hatte, ging ich auf
mein Zimmer, um den Koffer auszupacken und mein Abendessen
einzunehmen.
An den Flüssen Babylons
Verpflegung
Gäste haben die Möglichkeit, an drei
Tagesmahlzeiten teilzunehmen. Ich hatte mich für „Vollpension“
angemeldet. Zwar fehlte meistens etwas von meiner Essensbestellung;
die Küche, in die ich dann ging, machte auf mich einen äußerst
gepflegten und modernen, gut eingerichteten Eindruck, und das
Küchenpersonal war sehr zuvorkommend.
Das Essen war soweit gut, sieht man einmal von den
„Pappbrötchen“ ab, die sich eher „reißen“ als kauen ließen.
Zweimal habe ich mich über halbgare Kartoffeln geärgert. Aber das
war die Ausnahme. Es gibt einen wöchentlich wechselnden,
ausgewogenen Speiseplan , täglich den Nachmittagskaffee mit Gebäck,
am Wochenende ein Stück Kuchen. Öfters Obst.
An den Flüssen Babylons
Auf der Station der Demenzkranken
Wo soll ich hin?
Auf der Station für Demenzkranke
Als ich am ersten Abend über den langen Flur zum
Speisesaal lief, um mein Tablett mit dem Abendessen auf mein Zimmer
zu tragen, kam mir eine Patientin entgegen, deren Fußbandage
aufgewickelt war. Sie fragte mich, ob ich die Bandage wieder
befestigen könne. Das tat ich , kein Problem.
Dann fragte mich ein alter Mann, ob ich ihm ein Glas Wasser
bringen könne. Da musste ich leider passen. Ich wusste weder, wo die
Kästen mit den Mineralwasserflaschen standen noch in welchem Schrank
sich die Trinkgläser befanden. Eine Rollstuhlfahrerin streckte mir
die Hände entgegen. Als ich ihre Hände in meine nahm und erstaunt
ausrief „Hui, Sie haben aber kalte Hände!“, hielt sie mich fest,
schaute mich eindringlich an und sagte. „Ich bin Frau Claasen!“
Ein relativ junger Mann blieb vor mir stehen und brüllte : „Wo
soll ich hin?“, um dann wie eine Marionette abrupt den Kopf fallen
zu lassen und leise zu wiederholen. „Wo soll ich hin?“. Später
stellte ich fest, dass dieser Mann den ganzen Tag nichts anderes tat
als herumzuschlurfen, sich vor einem hinzustellen und diesen Satz zu
brüllen bzw. zu flüstern. „Wo soll ich hin?“. Nachts wurde er
in seinem Zimmer eingeschlossen.
Dududu…
Ich fragte, wieso die Demenzkranken geduzt würden.
„Das habe ich Ihnen doch gestern schon erklärt, das ist
therapeutisch notwenig“. „Das habe ich auch gestern noch
nicht begriffen, vor allem, wenn schon Duzen, warum in diesem
Tonfall?“ „Ich kann meinen Pflegekräften doch keine
Kinderstube beibringen?“ „Und wie wäre es mit Aus- und
Weiterbildung?“
Hits nonstop
Zu meiner Befremdung wurde der Speisesaal auf der Station für
Demenzkranke - wie die anderen Speisesäle auch - täglich rund um
die Uhr mit relativ lauter Radiomusik beschallt. Hits nonstop.
Auf Anfrage erklärte man mir, dies sei
therapeutisch sinnvoll, da nach neuesten Untersuchungen der
Hirnforschung erwiesen sei, dass die Hirntätigkeit der alten
und/oder dementen EinwohnerInnen durch eine solche Beschallung
angeregt würde. Warum aber ausgerechnet Poppmusik, fragte ich mich,
für eine Zielgruppe, deren Durchschnittsalter um die 80 Jahre lag?
Warum keine klassische Musik oder besser noch: menschliche Ansprache?
Das erste Lied, das ich beim Betreten des
Speisesaals hörte, war der Gospel „On the rivers of Babylon“.
Ich schaute mich um und dachte in fast zynischer Verzweiflung: „An
den Flüssen Babylons, da saßen wir und weinten...“ Und sie
weinten auf ihre Art. Die zumeist alten Männer und Frauen mit leeren
oder traurigen Gesichtern, manche völlig apathisch, andere
resigniert, die meisten schweigsam, stumm. Die Pflegerinnen dagegen
setzten sich stimmlich gegen die allgemeine Geräuschkulisse von
Poppmusik und laufenden Fernsehgeräten durch.
Hits nonstop und laufendes (TV-) Programm
Der Fernseher läuft und läuft und läuft
Oft standen die Patiententüren offen; aus fast jedem
Raum plärrte der Fernseher in Überlautstärke von allen Kanälen.
Die Fernseher, “unsere Alten-Babysitter...“
Nachdem ich mein Essen eingenommen und das Tablett
in den Speisesaal zurückgebracht hatte, hielt mich eine
Rollstuhlfahrerin auf. „Bringen Sie mich ins Bett?“.
Der Fernseher läuft und läuft und läuft. Von
Pflegepersonal kaum eine Spur.
An den Flüssen Babylons
Es „stinkt zum Himmel“…
Noch vor 2 Monaten trat meine Mutter aus ihrer (150
qm großen ) Wohnung und atmete den Duft von Rhododendronbüschen
ein. Tritt sie jetzt aus ihrem 20 qm großen Zimmer, kommt ihr
Fäkaliengeruch entgegen. Die auf den Fluren stehenden Müllbehälter
mit benutzten Windeln sind über den Rand gefüllt, die Deckel lassen
sich infolgedessen nicht mehr richtig schließen, und der Gestank
strömt nach außen.
Die Tür zur sog. „Fäkalienspüle“, nur zwei
Zimmer entfernt von dem Raum meiner Mutter, steht fast immer offen
steht. Trotz des an der Tür angebrachten Schildes: „Tür bitte
immer geschlossen halten“.
Eine olfaktorische Herausforderung, die sich leicht
vermeiden ließe. Durch weniger Eile, weniger Gedankenlosigkeit, mehr
Personal.
Umgangsformen
Betraten wir den gut besetzten Speisesaal im
Erdgeschoss, reagierte niemand auf das freundlich und laut geäußerte
„Guten Tag“ meiner Mutter. Auf das allgemeine Schweigen und
erstaunte Gucken antwortete meine Mutter dann ebenso laut und
vernehmlich: „Daran muss ich mich erst gewöhnen, dass hier nicht
gegrüßt wird“.
Später nahm sie mich dann zur Seite und erklärte
mir: „Wahrscheinlich fehlt den Menschen hier schon so lange die
Ansprache, dass sie inzwischen verlernt haben, adäquat zu reagieren.
Oder sie schützen sich auf autistische Weise.“
Eine Hilfspflegerin, die den Nachmittagskaffee
gebracht hatte und beim Abräumen sah, dass
meine Mutter nur die Hälfte davon getrunken hatte,
fuchtelte mit dem Zeigefinger vor der Nase meiner Mutter herum: „Na,
na, wer hat denn da nicht ausgetrunken, junge Frau?“
Darauf meine Mutter: „Mit mir können Sie reden
wie mit einer Erwachsenen“.
Aber, oh, sie hat sich geärgert und es kostet sie
Kraft, ihre Würde immer wieder behaupten zu müssen.
Häufig sprachen PflegerInnen von meiner Mutter in der
dritten Person. Und das, obwohl meine Mutter im Raum war. Sie“
macht und tut und ... „Sie“ hat einen Namen. Das zeichnet sie
als Individuum aus. „Sie“ ... Als wäre sie gar nicht anwesend.
Wie bewusstseinsmäßig anwesend sind die PflegerInnen für die
Bedürfnisse/das Wesen meiner Mutter?
Wir sind kein Hotel oder
Warten auf den Frühling
Da meine Mutter ein wundes, offenes Bein hatte, war
ihr Bett mit Wundsekret verschmutzt. Ich wies die Stationsleiterin
darauf hin, dass das Bett dringend frisch bezogen werden müsse.
„Wir sind kein Hotel“ lautete die Antwort der
Stationsleiterin, die Betten würden pflegestufen- und duschabhängig
neu bezogen. Meine Mutter würde Serviceleistungen erwarten, die
einfach nicht drin seien. „Jetzt müssen wir auch mal über die
Kosten reden, liebe Frau M.“
Gerne: meine Mutter und ihr Ehemann berappen
gemeinsam monatlich 4.600,-- € an das Haus, das kein Hotel ist.
Übrigens bat auch mein Stiefvater um ein frisch
bezogenes Bett. Auf seine verärgerte Frage: „Wer bezieht mir denn
hier mal mein Bett?“ , antwortete ihm die Pflegerin keck: „Der
Frühling“.
Die Betten habe dann ich bezogen. Auf das
Frühlingserwachen wollten wir nicht warten. Auf das moralische
Erwachen der Pflegerin auch nicht.
Ebenso habe ich meine Mutter geduscht und gewaschen,
sie gekämmt und angezogen, zur Toilette begleitet, ihr den Rücken
eingecremt, Verbände erneuert, Mani- und Pediküre gemacht, sie mit
dem Rollstuhl ausgefahren, sie getröstet , mich mit ihr
ausgetauscht.
(Verbale) Verletzungen/ Übergriffe
Irritationen
Es irritiert mich, dass
-
meine Mutter, vor der ich so viel Achtung und
Respekt habe, im Hause xxx von einer 20 jährigen Pflegerin geduzt
wird, obwohl meine Mutter mehrfach deutlich gemacht hat, dass sie so
etwas nicht mag.
-
an der Tür zum Zimmer meiner Mutter, hinter der
ihr privater, geschützter Raum beginnt, nicht angeklopft wird. Für
mich als Tochter ist es selbstverständlich, dass ich klopfe, bevor
ich den Raum betrete.
-
eine Zahnärztin unangemeldet vor dem Bett meiner
Mutter steht und die Herausgabe ihrer dritten Zähne verlangt. Diese
müssten „unterfüttert“ werden. Auf den Hinweis meiner Mutter,
dass sie Besuch habe und wie lange solch eine Unterfütterung
dauere, erhielt sie die Antwort. „Ein bis zwei Tage, so lange
bekommen Sie passierte Kost. Ihr Mann hat das auch zugelassen.“
„Machen
Sie alles, was ihr Mann macht?“.
-
Pflegerinnen auf der Station für Demenzkranke auf
den Tischen des Speisesaals sitzen, die Beine baumeln lassen und
sich privat untereinander unterhalten, während sie die Kranken
füttern. Was für eine respektlose Haltung im doppelten Sinne, von
einer Begegnung auf Augenhöhe kann da nicht mehr die Rede sein.
Dann die Kommandos:
„Essen!! Essen! Isst du jetzt?! Mein Arm wird immer länger!“
Draußen vor der Tür
Nach
18°° Uhr ist die Tür am Haupteingang geschlossen. „Aus
Sicherheitsgründen“. Es genüge, nach der Nachtschwester zu
klingeln; sie würde einem dann öffnen.
Dreimal standen wir nach 18°° Uhr vor
verschlossener Tür. Auf das Klingeln reagierte dreimal niemand und
das nach einer langen Wartezeit.
Draußen vor der Tür Nr. 1: Mein Bruder und ich
standen gegen 19°° Uhr draußen, wir klingelten und warteten, aber
niemand erschien. Ca. 20 Minuten! Schließlich rief mein
Zwillingsbruder per Handy unseren Stiefvater an, der sich dann vom 1.
Stock mit Rollator auf den Weg ins Erdgeschoss machte. Ihm eilte dann
die Nachtschwester hinterher, sie sagte, die Klingel sei
offensichtlich kaputt.
Nr. 2:
Wieder
haben wir (Besucher) nach 18°° Uhr geklingelt und lange gewartet,
wieder erschien niemand. Mein Stiefvater kam auf die Idee, das Haus
auf dem Umweg durch die offene Terrassentür zu betreten. Dies war
vom Haupteingang gut zu sehen. Er musste einfach um das Gebäude
laufen, durch die Terrassentür, und öffnete uns von Innen; es
funktionierte. Tolle Sicherheit!
Nr. 3. Klingeln und Warten und nichts... also, der Weg durchs
Hintertürchen.
Reaktionszeiten auf Klingelzeichen
Meine Mutter erzählte uns – einige Zeit vor meinem Besuch - es
habe niemand auf ihr nächtliches Läuten reagiert, als mein
Stiefvater einen schweren epileptischen Anfall hatte. Damals
bewohnten die beiden noch ein Doppelzimmer. Seinerzeit konnten wir
dieser Erzählung meiner Mutter kaum glauben. Wir vermuteten, der
Schock über den epileptischen Anfall habe sie so
durcheinandergebracht, dass sie zeitlich nicht orientiert gewesen
sei. Vielleicht war ihr die Wartezeit auch endlos lang vorgekommen.
Sie berichtete uns, sie habe sich unter großen
Mühen aus ihrem Bett gequält und sei mit dem Rollator auf den
menschenleeren Flur hinausgerollt. Dort habe sie „Hilfe, Hilfe“
geschrien, und auch da habe es noch gedauert, bis jemand zu Hilfe
kam.
Inzwischen glaube ich ihr jedes Wort. Verließ ich
abends, gegen 23°° Uhr das Zimmer meiner Mutter, um mich auf den
Weg in mein Gästezimmer zu machen, waren die Flure ausgestorben. Die
diensthabende Pflegerin (überhaupt examiniert?) war fast nie im
Dienstzimmer, sondern irgendwo unterwegs.
Oftmals lag ich nachts noch wach und hörte das
Klingeln der Patienten. Manchmal wurde ich davon auch wach. Dann
schaute ich auf die Uhr, um zu gucken, wie lange es dauert, bis
jemand das Zimmer betritt und das Klingeln aufstellt. Es vergingen in
der Regel 15 Minuten! Dann nicht etwas freundliche Nachfragen,
sondern ein im Kasernenhofton gebelltes: „Was ist los?!
„Was mache ich, wenn ich nachts stürze?“, fragte
meine Mutter mich vorgestern voller Angst? „Liege ich dann am
Boden und es kommt niemand?“. Gestern Nacht stürzte sie und zog
sich eine schwere Kopfverletzung zu. Gefunden wurde sie vom Pfleger
xxx und in die Chirurgische Klinik eingeliefert. Wie lange mag sie
am Boden gelegen haben, wie lange hat sie um Hilfe gerufen bis jemand
kam?
Die richtige Haltung – ein Aha-Erlebnis
Irgendwann fragte mich eine Rollstuhlfahrerin, ob
ich sie nicht zur Toilette begleiten könne.
Im ersten Impuls wollte ich dies tun, dann jedoch
zögerte ich. Ich bin nicht sehr kräftig, jedenfalls physisch nicht,
was, wenn mir die Frau hinfallen würde? Also entgegnete ich, dass
es mir Leid täte, ich sei „keine Schwester“.
Darauf die alte Dame, und indem sie ins Duzen
verfiel, völlig entgeistert: „Ja, was bist du denn dann?“.
Ja, dachte ich. Was bist du denn dann, wenn nicht
ihre Schwester....?
Genau diese Haltung hätte ich mir bei einigen
Pflegekräften gewünscht. Nicht nur, dass sie altersmäßig viel zu
weit weg sind von den greisen Menschen, einen Riesenabstand haben sie
zu Ethos und Moralität. Offensichtlich ist eine Pflegeeinrichtung
ein guter Boden, um niedere Machtinstinkte ausagieren zu können.
Das müssen Sie schlucken!, (die Alten). Müssen
sie?
Es hat zwei Wochen gedauert, bis die Pflegerinnen
eine leichte Umstellung in der Medikation (seitens des Hausarztes)
begriffen hatten. Da meine Mutter ihre Medikamente kennt, lehnte sie
die Einnahme der „falschen Pillen“ ab. Daraufhin die Hilfskraft
zu meiner Mutter: „Die nehmen sie!“. Schließlich Rücksprache
mit dem Hausarzt. Dennoch:
Bei jedem Personalwechsel wurden meiner Mutter
wieder die abgesetzten Tabletten, die sie definitiv nicht verträgt,
erneut „serviert“. Meine ohnehin schon verunsicherte und
entkräftete, übrigens herzkranke, Mutter sah sich immer wieder in
Diskussionen verwickelt. Diskussionen auch des Nachts. Die
Hilfskraft sah sich dem Widerstand meiner Mutter schließlich nicht
mehr gewachsen. Deshalb tauchte sie eines Nacht zusammen mit der
Stationsleiterin am Bett meiner Mutter auf und erklärte meiner im
Tiefschlaf liegenden Mutter (es war nach Mitternacht), dass die
Umstellung der Medikamente durchaus gerechtfertigt sei. Ich bedauere
im nachhinein, der Stationsleiterin nicht gesagt zu haben, dass nicht
sie meiner Mutter die Medikation erklären müsse,
offensichtlich müsse meiner Mutter es ihr erklären.
Fazit -
Die völlig falsche Einstellung
Das Personal – wird zu wenig eingestellt ?
Oder ... ist es ganz einfach ... falsch eingestellt?
Was fehlt, ist gut ausgebildetes Pflegepersonal. Der
viel zu kleine Personalschlüssel, die falsche innere Einstellung,
macht es dem/der einzelnen Pfleger/In unmöglich, sich adäquat um
die EinwohnerInnen zu kümmern.
Betritt eine Pflegerin das Zimmer, klingelt meistens sehr bald ihr
Mobiltelefon. Es herrscht ein ständiger Zeit- und Leistungsdruck.
Wer kann einem solchen Druck lange standhalten? Ohne in eine
dualistische Sicht verfallen zu wollen: Viele der Pflegerinnen waren
rührend bemüht um ihre Patienten. Andere PflegerInnnen reagierten
im Kontakt mit den EinwohnerInnen einfach über, waren ungeduldig
oder in der Erledigung ihrer Arbeit nicht sorgfältig genug.
In den zwei Wochen meines Aufenthaltes gab es
bereits verschiedene krankheitsbedingte Ausfallzeiten des Personals –
und das bei der ohnehin sehr knappen Besetzung. Die Fluktation
scheint außerdem hoch zu sein. In den zwei Monaten, die sich meine
Mutter dort befindet, kündigten zwei Pflegerinnen.
Ob es dort auch 1 EURO Jobber gibt, die zu solche
einer Arbeit „verdonnert“ werden, vermag ich nicht zu beurteilen,
würde mich aber einmal interessieren.
Bei der niedrigen Personaldecke, bzw. einer
permanenten Unterdeckung sehe ich meine Mutter dort nicht
bedarfsgerecht betreut, sondern eher einem Sicherheitsrisiko
ausgesetzt. Was ist, wenn sie noch pflegebedürftiger wird?
Als ich meinem Besuch beendet und der ICE im
Zielbahnhof einlief, hatte ich mein Herz randvoll und brennende
Bilder im Kopf. O Gott, was soll ich tun? Da erschien plötzlich vor
meinem Auge eine weiße Tafel mit riesigen Lettern: „ Du bist nicht
auf der Welt, um zu schweigen.“
Nicht schweigen, nicht totschweigen. Das hieße,
Unrecht zulassen.
Aber wie kann ich mich äußern, ohne meiner Mutter
einen Bärendienst zu erweisen, einen Pyrrhussieg zu erringen?
Von daher möchte ich auf jeden Fall anonym bleiben.
Nicht ohne Grund: Schon als ich Missstände in dem Haus angesprochen
habe, merkte ich, dass dies nicht als konstruktive Kritik, sondern
als nicht-statthafter Dissens gewertet wurde. Aufmucken gilt nicht,
das stört den faulen Frieden. Bei dem Geist, der in den Häusern
herrscht, schließe ich Repressalien /Mobbing ( im „besten“ Falle
noch Demotivation) nicht aus.
Übrigens noch einen Satz zur Stationsleiterin
bzw. eine Sentenz von ihr: „Ja, schrecklich, die Situation
für Ihre Mutter, so von heute auf morgen in ein ganz anderes Leben
geworfen zu werden. Und das bei dem Niveau ihrer Mutter, sie hat ja
mehr Gripps als all meine Pflegekräfte zusammen. Da tut mir Ihre
Mutter schon Leid. Für mich mag ich mir so etwas gar nicht
vorstellen.“
Darauf ich: „Stellen Sie sich so etwas für sich vor,
Frau X... Lassen Sie das mal ganz nah an sich heran. Stellen Sie sich
das für sich vor oder für Ihre alte Mutter, falls Sie noch eine
haben“.
Bei meiner Abfahrt sagte meine Mutter mir noch : „Du
bist das Kind, das ich am meisten liebe und am meisten brauche.“
Seit gestern liegt sie auf der Station der
Neurochirurgie.
Wie
schreibt mein Bruder heute: „Mutti hat ein extremes Hämatom, das
jetzt drainiert wird (Schlauch mit einem 15 - 20 cm³
Auffangbehälter). Im Kopf hat sie auch Blut, allerdings nicht im
Gehirn, sondern quasi zwischen dem Gehirn und der Schädeldecke, ohne
raumgreifend zu sein. Es ist sogar eine leichte Abnahme zwischen
gestern und heute erkennbar. Hoffen wir, dass eine OP ausgeschlossen
werden kann.
Du bist nicht auf der Welt, um zu schweigen.
In diesem Sinne.
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